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Die Bibliothek ist sein zweites Zuhause

 

Über 5500 Bände katalogisiert – „Georgiana Lingensia“ spiegelt lokale Geschichte wider

 
Heinz Buss, früherer Leiter des Gymnasiums Georgianum, hat in den letzten drei Jahren fast täglich in der „Barockbibliothek“ der traditionsreichen Schule geforscht und über 5500 Bestände katalogisiert.

Aus seiner immensen Fleißarbeit entstand das Heft „Georgiana Lingensia/Nachrichten vom Lingener Gymnasium Georgianum – Von der Bibliotheca Academie Lingensis bis zur Gymnasialbibliothek des Georgianums Lingen“.

1697 beginnt mit der „Hohen Schule“ auch die Zeit der Bibliothek. Sie wird Teil der Lingener Geschichte. Bei der Gründung wird bestimmt, dass zu Diensten aller, die in der öffentlichen Schule in der Lehre tätig sind oder unterrichtet werden, eine Bibliothek eingerichtet und von einem Professor geleitet wird. Geistliche oder weltliche Amtsträger in der Grafschaft Lingen mussten der Bibliothek ein Buch im Wert von mindestens einem Dukaten stiften.

Neben aktuellen Büchern standen wertvolle ältere Druckwerke aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Die Bibliothek umfasste Ende des 18. Jahrhunderts über 3000 Bände. In ihrem Buchbestand spiegeln sich Lokalgeschichte und die ‚große Geschichte‘ wider. Der Buchbestand wuchs zwar, doch durch Umzüge, Veräußerungen, Kriegswirren, Diebstähle und unsachgemäße Behandlungen verringerte sich der Bestand. Zahlreiche Standardwerke aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind nicht mehr vorhanden. In den Schulgebäuden des Gymnasiums war und ist die sogenannte „Barockbibliothek“ untergebracht.

„Die Erhaltung dieses Kulturschatzes sollte Verpflichtung sein“, sagt der ehemalige Schulleiter. Bereits als Schüler der Unterprima hatte er für ein halbes Jahr mitgeholfen, die Buchbestände zu sichten. „Wir hatten damals auch das Vergnügen, eine Ausstellung vorzubereiten, und ich fand an den alten Werken Gefallen. Als Schulleiter hatte ich keine Zeit, mich mit der Bibliothek ausführlich zu beschäftigen. Die notwendige Zeit konnte ich mir nach meiner Pensionierung nehmen“, sagt Buss.



„Den historischen Wert des Buches vermitteln“


Interview mit Heinz Buss über die Bibliothek des Georgianums

Auch wenn heute das ganze Wissen aus einer Bibliothek auf einer Chipkarte abgespeichert werden kann, bleibt es eine spannende Sache, Schülern den historischen Wert des Buches zu vermitteln. Das hat der frühere Leiter des Georgianums, Heinz Buss, in einem Interview erklärt.

Herr Buss, welche Auskünfte vermittelt die Titelseite Ihrer „Nachrichten vom Lingener Gymnasium Georgianum“?
Das Layout des Titelblattes ist eine Reminiszenz an Oskar Viedebantt, Schulleiter des Georgianums von 1930 bis 1934. Das Format entspricht den Veröffentlichungen aus den 30er-Jahren, nur besser geheftet, mit besserem Papier und zusätzlich versehen mit vielen Bildern.

Wie kamen Sie auf die Idee zu schreiben?
Dieses Heft 3 nimmt nach mehr als 90 Jahren die Reihe „Georgiana Lingensia“ wieder auf. Meine Idee war, einen weiteren Beitrag über das Gymnasium Georgianum zu veröffentlichen. Der Fundus der vorhandenen Archivalien ist so umfangreich, dass man – abgesehen von den bisher erschienenen Dissertationen und Magisterarbeiten, die das Georgianum durch seinen Bibliotheksbestand ermöglichte – sogar noch einiges mehr schreiben kann.

„Habent sua fata libelli – Büchlein haben ihre Schicksale“, heißt es …

Das vollständige Zitat besagt, dass je nach Auffassungsgabe des Lesers Bücher ihre Schicksale haben in der Weise, wie man sie wahrnimmt. Deshalb kann es zu unterschiedlichen Deutungen von Büchern kommen. Wenn man sich nur auf den letzten Teil des gesamten Zitates bezieht, dann haben Bücher ihr Schicksal in Abhängigkeit von demjenigen, der sie in den Händen hat. Ob sie nun gelesen oder zur Seite gelegt werden, in den Papierkorb wandern oder einfach vernachlässigt und gar nicht beachtet werden. Und das ist eben etwas, was mich an dieser Bibliothek interessiert hat: Wie gingen frühere Generationen mit den Büchern um, wie geht die heutige Generation, der Eigentümer, der Besitzer und ‚User‘ damit um? Das gilt für die Benutzung der Bücher für das Studium bis hin zur Aufbewahrung des Archivmaterials und des musealen Bestandes für die Wissenschaft heute und in Zukunft.

Was „erfuhren“ die Bücher bei Ihnen, und was erfuhren Sie aus ihnen?
Alle Bücher sind durch meine Hände gegangen: Allein in der alten Abteilung, die der Akademie zuzuschreiben ist, sind es gut 5500 Bände, die einzeln bestimmt wurden und mit den heutigen Möglichkeiten digital erfasst werden mussten. Das betrifft den kompletten Titel, den Verfasser mit Namen und Vornamen, den Verleger oder Drucker und das Erscheinungsjahr. Es bleibt nicht aus, dass man sich irgendwann „festliest“ und merkt auf einmal, da war doch etwas, was vielleicht so interessant ist, dass es niedergeschrieben werden sollte. So entstanden parallel zur Bestandsaufnahme immer mehr Notizen, und dann ergab eins das andere. Aus den Notizen wurden zwei, drei Seiten und immer tauchten neue Fragen auf, denen nachzugehen war. Man kommt sich vor wie ein Archäologe, der in die Tiefe gräbt und jeden Zentimeter freilegt, zu immer neuen Fundstücken und auch immer zu neuen Fragen. Und das ergab dann in der Summe irgendwann das Buch, auch mit Hinblick auf eine aktuelle umfassende Bestandsaufnahme.

Welche Antworten konnten Sie sich selbst geben auf Ihre Hauptfragen?

Dem Beobachter fällt auf, welche Bedeutung eine Bibliothek zur früheren Zeit hatte. Jedes Buch an sich war kostbar, jedes Blatt Papier. Der materielle Wert des Buches im Laufe der Jahrhunderte wird offensichtlich. Es erschließt sich aber auch z. B. in unserem Fall der Zeitgeist des Barocks. Betrachtet man nur das Titelblatt eines Buches aus dieser Zeit, dann fällt die Überschwänglichkeit, der Prunk eines barocken Produktes ins Auge. Oft spielt der Drucker mit jeder Zeile in einer neuen Schrifttype sein ganzes Repertoire an Lettern aus. Der Titel des Buches erstreckt sich wie eine vorweggenommene Zusammenfassung über eine ganze Seite. In Superlativen werden Doktoren, Professoren, Landesherren gekennzeichnet und so fort. Weiterhin stellt man beim Durchblättern und Bestimmen der Bücher mithilfe des Internets fest, in welchen Bibliotheken weltweit sich auch Titel der Lingener Bibliothek befinden. Und da sind einige Überraschungen aufgetaucht, z. B. Exemplare, die weltweit bislang einzigartig sind. Und das zu entdecken ist schon eine tolle Sache. Da war vieles vorher unbekannt.

Was entdeckt der Leser in dem Buch?
Ein interessierter Leser entdeckt neue, unbekannte Seiten aus der Geschichte der Bibliothek und aus der Zeit des Wissenschaftsbetriebes in Lingen im 18. Jahrhundert. Zum Beispiel finden wir eine einzigartige Sammlung von sogenannten Dissertationen oder Disputationen vor, die damals typische akademische Art, Themen zu bearbeiten. Diese wurden, nachdem sie gedruckt waren, in öffentlicher Diskussion, auf Latein natürlich, verteidigt und vorgestellt. Wir haben zahlreiche Druckerzeugnisse, die aus dem Betrieb der Lingener Akademie hervorgegangen sind, aber auch die anderer Hochschulen damaliger Zeit.

Das muss doch eine  immense Fleißarbeit gewesen sein, oder?
Pensionäre sollten ja Gehirnjogging betreiben oder nach Prof. Spitzer sich Enkelkinder anschaffen, um sich auch geistig fit zu halten. Das habe ich umgesetzt.

Wird das Buch beim Georgianertreffen vorgestellt?

Das Buch wird dort ausliegen. Wer möchte, kann natürlich einen finanziellen Beitrag zur Restaurierung von Büchern leisten. So war auch ein weiteres Ergebnis meiner Arbeit die Feststellung, dass zahlreiche Exemplare dringend restaurationsbedürftig sind. Zur Pflege und Bestandssicherung bedarf es Gelder und Fördermittel. Eine Liste dringend restaurationsbedürftiger Bücher liegt jetzt vor, ebenso eine Aufstellung der Exemplare, die im Laufe der Zeit abhandengekommen sind.

Wie sehen Sie die Zukunft der Bibliothek?

Zur direkten Wissens- und Informationsaneignung werden die Bücher heute wohl kaum mehr genutzt. Informationen holt man sich zunächst aus dem Internet. Schüler werden wahrscheinlich mit diesen alten Büchern nicht mehr in der herkömmlichen Weise arbeiten. Ich sehe die Bibliothek vornehmlich als Präsenzbestand für die Wissenschaft und für historisch Interessierte. Das ganze Wissen einer Bibliothek findet heute auf einer kleinen Speicherkarte Platz. Mehr und mehr ersetzt der Computer oder das iPad das Buch. Es bleibt aber eine spannende Sache, Schülern den historischen Wert des Buches, wissenschaftliches Arbeiten, aber auch das haptische Vergnügen des Bücherlesens, das „Begreifen“ im wörtlichen Sinne, zu vermitteln. Die Beschäftigung damit ist schon ein Gewinn.
 
Quelle: Lingener Tagespost 22. August 2015