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Lehrer und Schüler wohnen unter einem Dach (LT-Serie 1/5)

 

Von der Gründung der Lateinschule zur reformierten „Hohen Schule“ in Lingen

 
Lingener Straßennamen, die Gebäude des Theaterpädagogischen Zentrums (TPZ) und der Mal-und Kreativschule am Professorenplatz, das Pontanus-Denkmal sowie das Gymnasium Georgianum sind Orte Lingener Kultur- und Bildungsgeschichte ab dem frühen 17. Jahrhundert. Anlässlich des 16. Georgianertreffens an diesem Wochenende werden wir in dieser Woche über einige Stationen näher berichten.
Der heutige „Universitätsplatz“ bildete im 17. Jahrhundert den nördlichen Stadtrand von Lingen. Es gab eine Stadtschule, die Elementarkenntnisse vermittelte. Bereits 1602 hatte Moritz von Oranien verfügt, „dass die Kinder auch in der lateinischen Sprache möchten instruiert werden“. Grundlegende Reformen in der Grafschaft Lingen führten zur eigenständigen Lateinschule, die die kleine Stadt mit etwa 1700 Einwohnern 1680 auf Geheiß des Prinzen Wilhelm III. von Oranien erhielt.
In der Gründungsurkunde vom 1. September 1680 heißt es: „Willem Hendrick […] Graf von Lingen […] ist bewogen worden, in seiner Stadt und Grafschaft Lingen […] zur Fortsetzung der Reformation, zum Ruhm und Wohlstand der Stadt und des Landes, zum Besten der Kirche und des Staates, den Eingesessenen und Fremdlingen, Gegenwärtigen und Zukünftigen, eine höhere lateinische Schule einzurichten.“ So wurde die bestehende Lateinschule zu einer „illustren Lateinschule“ oder „Trivialschule“ ausgebaut.
Die heutige Mal- und Kreativschule (MuK) am Professorenplatz war das damalige ansehnliche Schulgebäude mit vier Klassenzimmern und einem Auditorium. Vier Jahre lernten die Schüler Latein, Religion, Dialektik, Logik, Grammatik (mit Literatur), Rhetorik (mit Recht und Ethik) und die Grundlagen der reformierten Konfession in lateinischer Sprache kennen. Dies war der Grundstock für eine weitere Hochschulausbildung.

Professorenhaus

Am 14. September 1697 erweiterte Wilhelm III., König von England und Erbstatthalter der Niederlande, die Lateinschule zu einem „akademischen Gymnasium“ oder einer „Hohen Schule“, damit sie „zum Besten des Gemeinwesens“ und „zur Fortsetzung des angefangenen Werks der Reformation gute Früchte tragen wird“. Fortsetzung bedeutete vornehmlich geistige Auseinandersetzung. Niemand sollte nach den allgemeinen Bestimmungen der Oranier zum Bekenntnis des reformierten Gottesdienstes gezwungen werden. Die Gründung der Hohen Schule war krönender Abschluss der ganzen Schulreform und für Lingen eine bedeutende kulturelle Aufwertung. Zudem war sie ein erheblicher wirtschaftlicher Faktor.
Das heutige „Professorenhaus“ wurde 1684/85 als Seminargebäude der Lateinschule errichtet. Das zweigeschossige Fachwerkhaus war das größte Gebäude in Lingen. Im Erdgeschoss befanden sich die Lehrerwohnungen, Wohnräume für 40 bis 50 Lateinschüler im Obergeschoss. Neben zweckmäßig eingerichteten Zimmern gab es eine große Küche, eine Waschstube sowie Essstube. Nach 1820 wurde das Professorenhaus zu Wohnungen für die Lehrer des Gymnasiums umgebaut. Noch in den 1960er Jahren wohnten dort Lehrer des Georgianums.
Wilhelm III. beauftragte den 1653 in Steinfurt geborenen Heinrich ter Brüggen, bekannt als Henricus Pontanus, die Gründung einer „Hohen Schule“ vorzubereiten. „Damit die kleine Niedergrafschaft Lingen eine Hochschule beherbergte, auf der Theologie, aber auch Philosophie, Jura und Medizin studiert werden konnten.“ Der umfassend theologisch Gelehrte, ein „feuriger Prediger“, blieb 22 Jahre in Lingen. Er lehrte als Professor in Utrecht, wo er am 14. September 1714 starb.

Gesitteter Lebenswandel

Die „Hohe Schule“ war zu verstehen als Vermittlungsort zwischen einem „akademischen Gymnasium“ und einer Universität. Neben dem besonderen Stellenwert der Theologie gab es die Fakultäten Jurisprudenz, Philosophie und Medizin, gleiche Lehrmethoden, eine wissenschaftliche Ausbildung und die Druckerei. Akademische Grade, eine Promotion, konnten jedoch nicht erworben werden. Die Zuständigkeit des Kuratoriums der Lateinschule wurde auf das akademische Gymnasium ausgedehnt, und die Kuratoren übernahmen auch die Gerichtsbarkeit über Professoren und Studenten. Die Professoren mussten „protestantischer Religion“ sein und einen „gesitteten Lebenswandel“ führen.
Der Rektor magnificus stand an der Spitze der „Hohen Schule“. Äußeres Zeichen seiner Würde waren die von den niederländischen Generalstaaten gestifteten Insignien Mantel und Zepter. Wilhelm III. von Oranien hatte sie der Hohen Schule bei der Gründung 1697 als Geschenk verliehen. Bei feierlichen Anlässen und akademischen Feiern wurde das Zepter vom Pedell (Hausmeister) den Professoren vorangetragen. Der Rektor immatrikulierte die Studenten und „übte über alle öffentlichen Äußerungen und Druckwerke die Zensur aus.“ Beim Wechsel des Rektorats wurden in einem feierlichen Akt die Insignien dem neuen Rektor übergeben.
Die Lingener Akademie ermöglichte eine abgeschlossene wissenschaftliche Ausbildung. Zahlreiche Prediger in der Grafschaft Lingen und der Grafschaft Bentheim, in Ostfriesland, in Holland und den holländischen Kolonien waren Studenten der Lingener Akademie.

Buchdrucker

Die „Hohe Schule“ beschäftigte ab 1698 einen Buchdrucker, den ersten, der in der Grafschaft Lingen dieses Handwerk ausübte. Verbunden war damit auch die Stelle des Pedells. Die Anzahl der Druckaufträge hielt sich zunächst in Grenzen, da die Druckerei in besonderen Fällen ihren Zweck nur unzureichend erfüllte. Die Professoren ließen größere Schriften in Holland anfertigen, da die Texte wegen der qualifizierteren Drucker in den Niederlanden nicht so oft durch Druckfehler entstellt waren. In Lingen entstanden vor allem kleine Druckwerke wie Programme, kürzere wissenschaftliche Abhandlungen, Vorlesungsverzeichnisse, Predigten, theologische Disputationen und Dissertationen, fast alle in lateinischer Sprache.
 
Quelle: Lingener Tagespost 24. August 2015