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Akademischer Festakt 2015

Samstag, den 29. August 2015 | 11.00 Uhr


Dr. Hans Michael Heinig
Prof. Dr. Hans-Michael Heinig | Foto: Hessischer Landtag, Kanzlei
  • Univ.-Prof. Dr. Hans Michael Heinig, Direktor des Instituts für Öffentliches Recht an der Georg-August-Universität Göttingen
  • Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
  • Ab 1983 Schüler des Johanneums, war aktiv im GTRV, Abitur 1990.
 
 
Foto: Hessischer Landtag, Kanzlei 
 
 
Weiterführende Verweise
 

Festakt in der Aula mit Festansprache von Prof. Dr. Hans Michael Heinig (Abitur 1990).


Soll der Staat uns nach der Schule noch erziehen?

Liebe Mitschülerinnen, liebe Mitschüler,
 
Festvorträge sollen das Auditorium in möglichst kurzer Zeit in gehobene Stimmung versetzen, unterhalten und zugleich ein Thema niveauvoll abhandeln. Als Unterhaltungskünstler tauge ich wenig, also konzentriere ich mich auf die beiden anderen Aufgaben. Dazu will ich zwei Fragen verknüpfen: Warum kommen wir heute zusammen? Und: Wie – oder wie subtil – sollte uns der Staat nach Abschluss der Schule noch erziehen? Wir werden sehen, dass die Verbindung zwischen beiden Fragen gar nicht so gekünstelt ist, wie sie auf den ersten Blick scheint.

I.
Alle fünf Jahre versammeln sich ehemalige Schülerinnen und Schüler des Georgianums und Johanneums. Die Motive, zu diesem Ereignis zu kommen oder ihm fernzubleiben, sind vielfältig. Manche von uns pflegen auf diese Weise alte Freundschaften und Bekanntschaften. Manche sind einfach gerne gesellig. Wieder andere freuen sich über einen besonderen Anlass, sich ihrer Schulzeit zu erinnern. Dabei geht es dann weniger um eine minutiöse Rekonstruktion dessen, wie es wirklich war, als vielmehr um die verklärte Rückschau auf eine vermeintlich unbeschwerten Zeit, eine Zeit des sich treiben Lassens, der Streiche, Partys und Liebeleien.

Die Schulzeit ist ein ganz eigener, besonderer Lebensabschnitt; nicht von ungefähr widmen sich Romane und Filme aller Art dem bunten schulischen Treiben. In der Schule lernen wir die zentralen Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens. Wir eignen uns eine breite Allgemeinbildung an, von der wir im weiteren Leben dann das meiste auch wieder vergessen. Wir üben sozialverträgliches Verhalten und wechselseitige Rücksichtnahme ein – und testen uns in sozialen Rangkämpfen. Wer darf auf dem Schulhof bei wem mitspielen? Wer lädt wen zu welcher Party ein? Wir suchen die soziale Anerkennung in der Gruppe und werden mit Erfahrungen der Ablehnung konfrontiert. Es gibt immer Mitschüler, die bessere Noten, schickere Klamotten oder reichere Eltern haben, die cooler oder weltläufiger sind, mehr gelesen haben, schneller laufen oder besser mit dem Ball umgehen können. So erfahren wir Lust und Last der Wettbewerbsgesellschaft, auch ganz manifest mittels der Notenskala von 1 bis 6, jede Woche, jeden Monat, über 12 bis 14 Jahre hinweg.

Wir wachsen heran – und erleben das Größer Werden im sozialen Kosmos der Schule. Wer auf das Gymnasium kommt, ist im Grunde noch ein Kind. Wer es mit dem Abitur verlässt, ist erwachsen. Dazwischen liegen entscheidende Jahre. Der Körper wächst, Hormone sprießen, der Verstand nimmt zu (bei manchen mehr, bei anderen weniger), der Zugriff auf die Welt weitet sich.
Diese Erfahrungen verdichten sich im Rückblick in kleinen Bildern aus dem schulischen Alltag. Wenn wir Georgianer und Johannaeer alle fünf Jahre zusammenkommen, dann wohl auch deshalb, um diese Erfahrungen und Bilder wieder wachzurufen und uns so zu erinnern, wer wir einmal waren, und uns zu vergegenwärtigen, warum wir wurden, wer wir sind.

Eines dieser Bilder, das mir vor Augen steht: wie wir als Neuankömmling in der 7. Klasse des Johanneums nicht am „Raucherbaum“ stehen durften. Der war den Großen vorbehalten. Was für ein erhabenes Gefühl war es dann, ab der 10. Klasse (oder war es die 11.?) in der Tabuzone endlich Platz nehmen zu dürfen. Nicht weil wir rauchten, sondern weil das Dazugehören einen neuen sozialen Status definierte.

Denke ich an die eigene Schulzeit zurück, kommen viele solcher Bilder, solcher Wegmarken zusammen. Manche haben mit mehr oder weniger schrulligen Lehrerinnen und Lehrern zu tun, etwa mit erkennbar unter Alkoholeinfluss missglückten Experimenten im Chemieunterricht. Andere Bilder sind mit intensiven Bildungserlebnissen verbunden – Verse von Plinius den Jüngeren, die mich anrührten, andere mit intensiven Gemeinschaftserfahrungen während einer Klassenfahrt oder im GTRV – Lagerfeuerromantik und das Gefühl der großen Freiheit auf Wanderfahrten. Doch wie große Teil des weiteren Lebens war auch die Schulzeit von viel Routine und Alltag geprägt, vom Stundenplan, vom Lernen für die nächste Klassenarbeit, vom Rhythmus der Hausarbeiten und Vokabeltests. Das meiste davon haben wir verdrängt und vergessen. So will ich heute davon auch nicht wieder anfangen.

Zieht man einen langen Strich unter die Schulzeit, haben die meisten von uns sicherlich Grund, dankbar zu sein. Dankbar für eine sehr behütete Zeit in den beschaulichen Verhältnissen einer emsländischen Kleinstadt. Für Lehrerinnen und Lehrer, die sich Mühe gaben. Für die Vermittlung einer soliden Bildung, die als Fundament für Ausbildung und Studium taugte, die glanzvolle Karrieren beförderte oder doch zumindest die Grundlage für einen anspruchsvollen Beruf bildete und eine angenehm-bürgerliche Existenz ermöglichte.

Damit aus Dankbarkeit nicht Selbstgerechtigkeit wird, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass nichts davon selbstverständlich ist: Eltern, die den Wert des Lernens vermitteln, ein schulisches Umfeld, das Lernen befördert, soziale Bedingungen, die ein unbeschwertes Aufwachsen erlauben. Wir sollten uns vielleicht auch daran erinnern, dass nicht alle so viel Glück hatten. Denn manche Mitschüler sind heute nicht deshalb unter uns, weil familiäre und berufliche Lasten das nicht ermöglichen oder sie kein Interesse haben, sondern weil das Schicksal es nicht gut mit ihnen meinte. Ich denke an die Mitschülerin aus dem Mathegrundkurs, die sich das Leben nahm, oder den Mitschüler aus Relikurs, der bald nach dem Abitur Opfer seiner Heroinsucht wurde. Ich denke an diejenigen, die die Schule gehasst haben, weil sie von uns Mitschülern über Jahre hinweg gepiesakt und getriezt wurden. Ich denke an diejenigen, die die Klasse vorzeitig verließen, weil sie den Leistungsanforderungen nicht gerecht wurden. Solche Schicksale abwesender Mitschüler erinnern uns daran, dass wir unser Leben nur zu Teilen selbst bestimmen, dass Status und Erfolg auch viel mit glücklichen Umständen zu tun haben und nicht nur mit Leistung und eigenem Verdienst. Sie mahnen zu Bescheidenheit, Dankbarkeit und Rücksichtnahme.

II.
Wie auch immer wir die Schule erlebt und in Erinnerung haben, wir waren vermutlich alle froh, als das Abitur absolviert war und die Schule hinter uns lag. Das Neue, das Ungewisse lockte. Der Abschluss der Schule markiert den großen Aufbruch: zum Ernst des Lebens oder doch erst zum Spaß des Studierens. Wohl jeder erlebt das Ende der Schulzeit auch als Befreiung. Das kommt nicht von ungefähr. Heutzutage kann ich dieses mit dem Abitur einsetzende Gefühl der Freiheit vor dem Hintergrund meiner Profession deuten: Die Schule ist im sozialtheoretischen Sinn eine „totale Institution“. In Deutschland herrscht Schulzwang. Jeder und jede muss in die Schule. Für die Schule gelten strenge Regularien, festgehalten in Schulgesetzen und Schulordnungen. Rechtstechnisch ist die Schule eine Anstalt und der Anstaltszweck erlaubt allerlei Freiheitseingriffe. Die Verfassung, das Grundgesetz, weist dem Staat die Aufsicht über das Schulwesen zu und wir Verfassungsjuristen konstruieren daraus einen weitreichenden Erziehungsauftrag des Staates, der dem Erziehungsrecht der Eltern gleichberechtigt zur Seite steht. Wer die Schule beendet, lässt neben der elterlichen auch die staatliche Erziehungsgewalt hinter sich – so dachten wir. Doch stimmt das eigentlich? Bleibt die staatliche Erziehung der Bürgerinnen und Bürger auf die Schule beschränkt oder setzt sie sich auch später fort? Kennt sie Grenzen? Wie subtil kann, darf und soll die Erziehung von Erwachsenen erfolgen? Diesen Fragen will ich vor dem Hintergrund jüngerer eigener Forschungen im zweiten Teil meiner sogenannten „Festansprache“ kurz nachgehen.

III.
Ein Großteil der männlichen Zuhörer hat die totale Institution Schule zunächst gegen eine andere totale Institution ausgetauscht: Wehr- oder Zivildienst waren zu absolvieren. Während im Zivildienst selten bewusst erzogen wurde, verfolgte der Wehrdienst erkennbar auch Erziehungsziele. Diese reichten von der Kleidungs-, Körper- und Raumpflege über Staatsbürgerkunde zur Vermittlung ethischen Orientierungswissens. Doch irgendwann waren auch Wehr- oder Zivildienst absolviert und spätestens dann sollte doch wohl die von staatlicher Erziehung freie Lebensphase anbrechen, oder?

Im Studium jedenfalls stehen Wissens- und Bildungsvermittlung ganz im Vordergrund. Wer an einer staatlichen Hochschule heutzutage studiert, wird gewiss nicht erzogen. Über die letzten Jahre wächst bei mir zwar der Eindruck eines steigenden Erziehungsbedarfs bei meinen Studierenden. Aber Erziehung ist keine Aufgabe staatlicher Universitäten und Fachhochschulen.

So zurückhaltend ist die Staatsmacht sonst nicht. Über die letzten Jahrzehnte haben sich die Ziele und Methoden staatlichen Handelns erheblich verändert. Ende des 19. Jahrhunderts stand noch der befehlende und gebietende Staat im Vordergrund. Im Laufe des 20. Jahrhunderts sind Befehl und Zwang hingegen immer weiter zurückgetreten. Der moderne Staat verfolgt seine Ziele subtiler. Und deshalb erzieht er seine Bürger auch immer mehr. Denn er hat gelernt, dass sich menschliches Verhalten weit effektiver steuern lässt als durch Verbote und Gebote.

Verbot und Gebote selbst sind natürlich klassische „Erziehungsmittel“. So könnte man das gesamte Strafrecht als staatliches Erziehungsprogramm begreifen. Doch gehört zur Erziehung eigentlich auch, auf Gesinnung und Motive des Handelnden Einfluss zu nehmen. Davon nimmt das Strafrecht in Deutschland weitestgehend Abstand. Auf die Motive für rechtskonformes Verhalten kommt es bei der Bewertung, ob ein Verhalten strafbar ist, nicht an. So unterscheiden sich nach Kant bekanntlich Moral und Recht. Erzieherisch wird der Staat allenfalls nach Begehung einer Straftat tätig: durch den Strafvollzug.

Neben Verboten und Geboten setzt der Staat seit geraumer Zeit jedoch weitere Anreize zur Verhaltenssteuerung ein. Als besonders effektiv haben sich dabei staatliche Steuern und sonstige Abgaben mit Lenkungswirkung erwiesen. Für wünschenswertes Verhalten gibt es Steuervorteile, für unerwünschtes Verhalten gibt es Sondersteuern. So wurden Autofahren und Zigaretten rauchen über die Jahre immer teurer. Die Spende an den Sportverein oder der Mitgliedsbeitrag zu einer politischen Partei sind hingegen steuerlich absetzbar. Das Abgabenrecht ist voll mit Bestimmungen, die vorrangig nicht auf die Einnahmengewinnung des Staates abzielen, sondern auf die Beeinflussung menschlichen Verhaltens, auf die Stimulierung erwünschten Verhaltens. Das Bundesverfassungsgericht hat diese Form von Verhaltenslenkung im Grundsatz gebilligt.

Seit kurzer Zeit denkt man in Berlin und in den Landeshauptstädten nun über noch subtilere Maßnahmen der Verhaltensbeeinflussung nach. Der neueste Trend heißt „Nudging“. Nudging meint: jemandem einen kleinen Schubs geben. Im Zentrum des Nudging steht nun nicht, wie bei den allermeisten Ge- und Verboten, der Schutz Dritter oder die Wahrung hochrangiger Gemeinschaftsinteressen, sondern der Schutz des einzelnen vor sich selbst. „Paternalismus“ heißt der Schutz des einzelnen vor sich selbst durch Dritte im Fachjargon.

Die theoretischen Grundlagen für das „staatliche Schubsen“ liefern die Behavioral Economics: Ökonomen haben beobachtet, dass Menschen im Alltag oft nicht den Modellen der vernünftiger Wahlentscheidungen folgen. Diese Rationalitätsanomalien des Menschen solle man sich zu Nutzen machen, um Menschen zu ihrem eigenen Glück zu bewegen. Wohlgemerkt bewegen, nicht zwingen. Die Anhänger des Nudging propagieren einen „libertären Paternalismus“. Sie wollen durch die Rahmenbedingungen der Entscheidungsfindung Einfluss auf die getroffene Wahl nehmen. Man müsse die „Entscheidungsarchitekturen“ so zuschneiden, dass Menschen trotz ihrer Verhaltensschwächen die „richtige“ Wahl treffen. Nudging will menschliches Verhaltens also im wohlverstandenen Interesse der Betroffenen manipulieren. Die Rahmenbedingungen des Entscheiders sollen so geformt werden, dass er zum „richtigen“ Verhalten gelenkt wird – bei vorgeblich voller Wahrung seiner Wahlfreiheit. Ein Beispiel: Je nachdem, wo in der Schulkantine Süßigkeit und Obst aufgestellt werden, ernähren sich Schüler gesünder oder ungesünder. Oder: Grundeinstellungen elektronischer Geräte erfolgen so, dass sie möglichst wenig Strom verbrauchen. Oder: Warnhinweise bei Zigaretten und Kalorienhinweise bei Kartoffelchips sollen vom Konsum bestimmter Produkte abhalten, deren Verkauf und Erwerb gleichwohl legal bleibt.

Was als theoretisches Konzept begann, ist inzwischen politische Praxis geworden. Zu verlockend scheinen die Versprechungen des Nudging. Präsident Obama machte einen der „Erfinder“, Cass Sunstein, 2009 zum Chef des „White House Office of Information and Regulatory Affairs“. Die Regierung Cameron arbeitet gezielt mit Techniken des Nudging. Unlängst hat auch das Bundeskanzleramt drei Referentenstellen für Verhaltensforschung geschaffen, um sich die Einsichten der Verhaltensökonomik zu Eigen zu machen. Und der Bundesminister für Justiz und Verbraucherschutz, Heiko Maas, hat viel Sympathie für den Ansatz erkennen lassen.

Dass sich die Politik für Nudging interessiert, kann kaum verwundern. Viele Einsichten der Behavioral Economics sind plausibel und das Nudging verspricht eine höchst effektive Verhaltenssteuerung, ohne Widerstände zu provozieren. Ein Traum für Regierungen. Und was könnte man dagegen einwenden, wenn denn die „richtigen Ziele verfolgt werden“, so fragt Cass Sunstein, der Vordenker des Nudging. Wer habe ernsthaft etwas gegen ein gesünderes und längeres Leben, gegen eine kluge Zusammensetzung des Portfolios für die Altersvorsorge, gegen unnötige Zinszahlungen, gegen umweltbewusstes, ressourcenschonendes Verhalten einzuwenden? Niemand natürlich. Nudging ermögliche doch, unseren wahren Willen zu verwirklichen.

Das Nudging als Steuerungstechnik menschlichen Verhaltens kommt aus den USA, findet aber in Deutschland noch einmal andere kulturelle Voraussetzungen. Paternalistische Interventionen haben in Deutschland, im Gegensatz zu den USA, eine lange Tradition und sind im Grundsatz wohlgelitten. Die Sozialversicherungspflicht etwa ist zumindest auch Ausdruck von Paternalismus; in den USA ist eine Krankenversicherungspflicht hoch umstritten, in Deutschland ist sie selbstverständlich. Ebenso die Pflicht, als Motorradfahrer einen Helm zu tragen oder als Autofahrer, sich anzuschnallen. Deutschland war seit Bismarck in vielerlei Hinsicht Vorreiter bei der Ausbildung des modernen, interventionistischen Wohlfahrtsstaates.
Zudem spielt libertäres Denken in Deutschland, wiederum im Gegensatz zu den USA, kaum eine Rolle – weder in der politischen Theoriebildung noch in der politischen Praxis. „Nudging“ gewann zunächst einmal aber aus der politischen und theoretischen Lagerbildung in den USA (Demokraten vs. Republikaner, Liberale vs. Wertkonservative, Anhänger und Gegner des Wohlfahrtsstaates) seine Attraktivität. Sunstein preist den „libertären Paternalismus“ als Möglichkeit, in einem kulturell und mental zutiefst gespaltenen Land Regierungshandeln im Konsens zu ermöglichen, weil alle dem zustimmen können. Die Politik in Deutschland kennt solche Probleme nicht. Für einen „dritten Weg“ besteht kein praktischer Bedarf. In der Bevölkerung herrscht weitgehend Einigkeit, dass der Staat Vorsorge, moderate Umverteilung und soziale Sicherheit zu organisieren habe. Unser politischer Raum wird nicht durch ideologische Kontroversen geprägt, sondern vom Konsens, dass Politik die pragmatische Aufgabe hat, relativ kleinteilige Antworten auf händelbare gesellschaftliche Probleme zu finden. So gesehen kann dann aber auch das neue Interesse an der Verhaltensökonomik in Deutschland kaum verwundern. Sie bietet kluge technokratische Lösungen für alltägliche Herausforderungen. Sie verspricht, dass Politiker ganz ideologiefrei die Welt besser und sicherer machen können, also das, was die Bevölkerung in Deutschland von der Politik erwartet und diese zu leisten bereit ist.

Wer sich, wie ich als Verfassungsjurist, für normative politische Theorie interessiert, kann sich freilich nicht damit zufrieden geben, dass Nudging ins politische Klima passt. Denn die akademischen Vertreter des Nudging postulieren mehr als eine effektive Regierungstechnik. Sie propagieren wie Cass Sunstein eine „Ethik des Nudging“. Sunstein sieht die Grundlagen dieser Ethik in den Normativen der Wohlfahrt (Mill, Hayek), der Autonomie des Individuums (Kant), der menschlichen Würde und der demokratischen Selbstregierung. Nudging ist für ihn keine Frage des Könnens, sondern des Sollens.

Und da beginnt das Problem. Welches Verständnis von Autonomie wird hier eigentlich auf welcher Ebene der Theorie verwendet? Moderne demokratische Verfassungsstaaten sind vom Leitbild des normativen Individualismus bestimmt: Der Einzelne ist frei, seinen Neigungen und Interessen zu folgen. Staatliche Behinderungen dieser Freiheit müssen sich rechtfertigen. Eine solche Rechtfertigung gelingt relativ unproblematisch nach dem „no harm“-Prinzip: Die eigene Freiheitsausübung darf Rechte Dritter nicht verletzten. Staatlicher Paternalismus, der Schutz eines Dritten vor sich selbst, lässt sich hingegen nur unter sehr eingeschränkten Bedingungen begründen, wenn man denn annimmt, dass wir in unseren Handlungen grundsätzlich frei sind.

Welche Voraussetzungen genau zu fordern sind und welche Formen des Paternalismus legitim sind, darum dreht sich eine veritable Debatte in der politischen Philosophie. Für John Stuart Mill, den Ahnvater des Paternalismusdiskures, war klar, dass Kinder und Geisteskranke vor sich selbst geschützt werden müssen. Gegenüber dem vernunftbegabten Normalbürger hingegen sollten allenfalls Interventionen gestattet werden, die verzögern, um Informationsmängel auszugleichen. Ein Beispiel: Wer im Begriff ist, über eine baufällige Brücke zu gehen, darf aufgehalten werden, um ihn über die Gefahr zu informieren. Danach darf er nicht abgehalten werden. Genau an dieser Stelle setzt Sunstein an: Wir handelten eben oft nicht vernünftig, sondern im Grunde wie Kleinkinder.

Die Beobachtung ist in den Kategorien der Verhaltensökonomik formuliert wohl richtig. Doch genügt sie, um die Grundannahmen unseres Verständnisses von Freiheit auszuhebeln? Ist es aus Sicht einer normativen politischen Theorie sinnvoll, unter Rückgriff auf die Einsichten der Behavioural Economics die Interventionsgründe für den Staat unbegrenzt auszuweiten? Sollten wir nicht von einer – kontrafaktischen – Freiheitskonzeption ausgehen, in der „normales“ Verhalten nicht als korrekturbedürftige Devianz erfasst wird? Der normative Anspruch solcher „Freiheit“ lässt sich nicht empirisch in Frage stellen, weder durch Einsichten der Hirnforschung noch der Verhaltensökonomik. Staatliches Nudging will menschliches Verhalten steuern – und muss sich als paternalistische Intervention den besonders hohen Rechtfertigungsanforderungen stellen, die dann bestehen, wenn es nicht um den Schutz Dritter, sondern des Einzelnen vor sich selbst geht.

Viele Befürworter des Nudging meinen, dass die Rechtfertigung unproblematisch gelingt, wenn die paternalistische Intervention libertär ausgestaltet ist, also die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen gewahrt bleibt. Nehmen wir noch einmal das Beispiel aus der Schulmensa: Die soll weiterhin Obst und Schokoriegel anbieten, aber eben durch die Positionierung der Waren die Schüler dazu bewegen, mehr Obst zu essen. Genau an dieser Stelle wird der zugrundeliegende Freiheitsbegriff ausgewechselt. Nudging wird begründet, indem menschliche Rationalitätsanomalien empirisch beschreiben werden. Doch die Intervention sei ganz harmlos, weil der Einzelne sich ja weiterhin frei entscheiden könne. Stimmt das? Was meint eigentlich Wahlmöglichkeit, wenn die Entscheidung durch den Staat bewusst geprägt wird? Sprechen nicht gerade die Einsichten der Verhaltensökonomen dagegen, das Nudging zu verharmlosen und zu verniedlichen? Geht es bei Nudging nicht auch um die Maximierung des gouvernementalen Zugriffs auf die Lebensformen der Bürger? Um knallharte Biopolitik (im Sinne Michel Foucaults)? Um subtile Manipulationen zum Zwecke der Selbstoptimierung? Gegenüber staatlichen Befehlen und Verboten haben Demokratie und Rechtsstaat eine Fülle an Vorkehrungen zur Sicherung der Freiheit der Bürger ausgebildet. Für das Nudging hingegen fehlen bislang vergleichbare Instrumente.

Ich komme zum Schluss: Staatliche Erziehung endet nicht mit der Schule. Im Gegenteil: das edukatorische Staatshandeln nimmt stetig zu. Der Staat prämiert Wohl- und sanktioniert Fehlverhalten. Er warnt und lobt. Zukünftig schubst er uns nun auch noch. Er betreibt Mikromanagement unseres Alltags. Oft hat er in jedem Einzelfall gute Gründe dafür. Verfassungsrechtlich ist staatliches Nudging deshalb in der Regel zulässig. Doch in der Summe verändern sich so die Grundlagen unseres Zusammenlebens. Ein Leben in Freiheit bedeutet auch, die Zumutungen der Eigenverantwortung zu tragen. Direkt nach dem Abitur war uns das bewusst: Es standen Entscheidungen an, deren Tragweite wir nicht überschauten und die wir doch nur selbst verantworten konnten. Erinnern wir uns also noch einmal der eigenen Erleichterung, die Erziehungsanstalt Schule hinter uns gelassen zu haben. Dann erscheint der staatliche Schubs in unserem wohlverstandenen Interesse vielleicht doch in einem anderen Licht.
Literaturhinweise:
  • Heinig, Gibt es eine Ethik des Nudging?, VerfBlog, 2014/12/15, http://www.verfassungsblog.de/gibt-es-eine-ethik-des-nudging/
  • Sunstein/Thaler, Nudge, 2008
 

 
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